Der Preis des Erfolges: Zum Auftakt der Tour de France Femmes freute sich die französische Rennfahrerin Océane Mahé aus dem kleinen Team Ma Petite Entreprise über das gepunktete Trikot der Bergbesten und wurde von den Fans bejubelt. Zum Ende der Frankreich-Rundfahrt der Frauen räumte sie ein, an RED-S zu leiden und gestand: „Ich hatte seit drei Jahren keine Periode mehr.“ Dass sie damit keine Ausnahme im Frauenradsport darstellt, hatte bereits die deutsche Profiradsportlerin Clara Koppenburg in einem vielbeachteten Interview geschildert. Sie wog zu ihrer erfolgreichsten Zeit als Straßenrennfahrerin bei 1,70 Meter Körpergröße nur noch rund 47 Kilogramm und meinte rückblickend: „Ich würde von einem klassischen RED-S sprechen.“
Wer nun abwinkt und meint, solche gesundheitlichen Probleme seien lediglich im Hochleistungssport anzutreffen, der irrt. Sport als Hilfsmittel fürs gesunde Leben, fürs Abnehmen – das ist die Hoffnung vieler Menschen. Doch wer sehr regelmäßig und intensiv Sport treibt und gleichzeitig Diät hält, kann in dieser Sackgasse landen. Denn dauerhaft zu geringe Energiezufuhr führt schlimmstenfalls zu einem chronischen Problem, das in der Vergangenheit vielmals nicht verstanden wurde und wird: RED-S, kurz für „relative energy deficit in sports“, also relative Energieunterversorgung bei Sportlerinnen und Sportlern.
Dr. Christine Kopp, Oberärztin bei der Sportmedizin der Universitätsklinik Tübingen, sieht immer häufiger Frauen und Männer, die es in der Freizeit übertreiben: „Das Problem ist im Breitensport erst einmal zu viel Training ohne Regeneration“, sagt Kopp, „diese Leute trainieren sich ins Nirvana, ohne dass sie jemand begleitet.“ Ihre Klinik bietet speziell für RED-S eine Sprechstunde an. Oft hat sie mehrere Termine am Tag nur zu diesem Thema.
Mal einen Hungerast bekommen – das klingt zunächst gar nicht so schlimm. Aber bei RED-S geht es um einen chronischen Zustand: Menschen, die dieses Defizit systematisch aufbauen. Und die körperlich und seelisch darunter leiden. Auch Dr. Alena Schmelz, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Sportmedizinerin aus Schwerte, sieht immer häufiger Menschen, die abnehmen oder sich neben dem Sport gesund ernähren wollen. „Aber sie kombinieren ein Kaloriendefizit mit hohen Trainingsvolumen, ohne zu wissen, dass der Körper beides nicht gleichzeitig kompensieren kann“, sagt Schmelz.
RED-S fällt oft erst spät auf. Dr. Andrea Jeschke, Radsporttrainerin und Expertin aus dem Trainerteam der Apotheken Umschau, hat das bei ihrer Arbeit immer wieder beobachtet. Auch die Ernährungsexpertin Katja Mangold hat in Zusammenhang mit dem Thema Nüchterntraining auf die Gefahren aufmerksam gemacht.
Aber: Wer sich mit anderen identifiziert, Stars nacheifert, Instagram-Bilder verinnerlicht – der gerät mitunter in eine Spirale. „Wenn Menschen kritiklos nachmachen, was sie irgendwo im Internet lesen oder auf Social Media sehen, kann das auf Dauer für ihre Körper ungesund sein“, sagt Christine Kopp. Alena Schmelz aus Schwerte beschreibt es so: Vollzeitjob, Familie, ständiger Vergleich mit Social Media und Wearables – dauerhafter Versuch der Selbstoptimierung. Derweil merken die Betroffenen gar nicht, was in und mit ihnen passiert.
RED-S ist ein Mangelzustand, der entsteht, wenn die Energiezufuhr dauerhaft nicht mit dem Energieverbrauch Schritt hält. Wer Sport treibt, verbraucht mehr Energie. Wer diese Energie nicht nachführt, gerät in einen Energiemangel. Deshalb gilt grundsätzlich: Bewegung sollte nur mit ausreichend verfügbaren Kalorien im Körper gemacht werden.
Wer in zwei Stunden Sport 1.200 Kalorien verbrennt, sollte diese vor, während und nach dem Sport auch essen oder trinken. Entscheidend dabei: Diese 1.200 Kalorien kommen zum normalen Tagesbedarf hinzu – also on top auf den Grundumsatz. Wie hoch der Kalorienbedarf beim Sport in etwa ist, kann man in vielen Tabellen nachlesen – ganz genau stimmt das natürlich nur, wenn man seine persönlichen Werte bzw. Leistungsdaten kennt. Das wird häufig unterschätzt, und die tatsächliche Lücke zwischen dem, was man zu sich nimmt, und dem, was der Körper braucht, ist oft größer als gedacht.
Nehmen wir den Autor dieses Artikels als Beispiel: Ich war kürzlich 2:30 Stunden auf dem Rennrad im Mittelgebirge unterwegs und habe dabei mit meinen weit mehr als 90 Kilogramm Gewicht etwa 1.800 Kilokalorien verbrannt. Dazu sagt Ernährungsexpertin Katja Mangold: „Es hilft oft entscheidend, wirklich zu rechnen und die zugeführten Kalorien an einzelnen Trainingstagen zu tracken. Häufig sind die Einschätzungen weit vom tatsächlich benötigten Kalorienziel entfernt.“ Sie rät zudem, die Basisernährung und die Trainingsernährung bis zu einem gewissen Grad separat voneinander zu betrachten und die Trainingsernährung konsequent an das Trainingspensum anzupassen.
Gelingt die ausreichende Versorgung nicht, sinkt die Energieverfügbarkeit im Körper. Und dies führt auf Dauer dazu, dass biologische Mechanismen heruntergefahren werden. Dr. Schmelz beschreibt diesen Mechanismus aus klinischer Perspektive: „Der Körper schaltet irgendwann um: Er reduziert den Grundumsatz, senkt den Hormonspiegel, drosselt alles, was Energie kostet und nicht unmittelbar fürs Überleben nötig ist.“
Hier liegt ein wichtiges Missverständnis, das Dr. Andrea Jeschke in ihrer Praxis als Trainerin immer wieder erlebt: Trotz eines Energiedefizits führt RED-S nicht zwangsläufig zur Gewichtsabnahme. Das ist das Tückische und Gefährliche an dieser Situation. Jeschke erklärt das Prinzip so: Sport ist so etwas wie die „Flucht vor dem Säbelzahntiger“. Der Körper schickt zuerst alle Energie in die anstehende Aufgabe und entzieht sie der Basisernährung oder dem Basisverbrauch. Ergebnis kann dann ein Hungerstoffwechsel sein.
Für alle, die Sport insbesondere zum Abnehmen betreiben, ist das eine wichtige Information: Wer das Kaloriendefizit nicht in der Basisernährung, sondern durch das Training herzustellen versucht, riskiert genau diesen Effekt – und obendrein alle gesundheitlichen Folgen von RED-S. Heißt: Die Kalorien, die ich normal zu mir nehmen würde, kann ich ganz leicht senken – die Kalorien, die ich für den Sport brauche, sollte ich vor dem Sport, während des Sports und bald danach auch wieder zuführen!
Die Symptome sind vielfältig und verstecken sich häufig hinter alltäglichen Beschwerden. Das ist einer der Gründe, warum die Diagnosestellung so schwierig ist und mitunter Monate bis Jahre dauern kann. Bei Frauen ist das Problem deutlicher zu erkennen als bei Männern. Die ausbleibende Regelblutung ist ein häufig beschriebenes Symptom. Sie entsteht, weil der Hormonhaushalt infolge des Energiemangels herunterreguliert wird. Sportbedingter Östrogenmangel bis zum 35. Lebensjahr führt zu einem deutlich höheren Osteoporose-Risiko – und zwar für den Rest des Lebens. „Viele Sportlerinnen akzeptieren das als normal, manchmal sogar als Bestätigung, dass sie hart genug trainieren. Aber jeder ausgebliebene Zyklus zählt. Je länger dieser Zustand anhält, desto schwerer lassen sich manche Schäden rückgängig machen“, sagt Dr. Schmelz.
Im Leistungssport ist die Entwicklung als athletische Triade bekannt (das dauerhafte Ausbleiben des Zyklus (Ammenorrhö), Osteoporose und häufig auch Essstörungen) und wurde früher sogar oft als Teil des Spiels beschrieben. Doch Kopp widerspricht klar: „Ich kenne genug Leistungssportlerinnen, die bei den höchsten Leistungen eine völlig normale Regelblutung haben.“
Bei Männern deuten körperliche Erschöpfungszustände, Erektionsprobleme und allgemein ein Libidoverlust möglicherweise auf RED-S hin. Laut Katja Mangold kündigt sich der Energiemangel oft schon früher an: „Noch vor den klassischen Symptomen merkt man es häufig schon an schlechtem Schlaf und schlechter Erholungsfähigkeit.“
Ein sehr deutliches körperliches Warnsignal sind zudem Ermüdungsfrakturen – Knochenbrüche unter Belastung. Und auch im sozialen Umfeld kann etwas auffallen: Betroffene trainieren immens viel, werden aber nicht fitter, nur unerholter. „Das muss nichts mit Kontrolle oder Restriktion zu tun haben. Es kann auch schlicht sein, dass jemand nicht weiß, wie viel Energie sein Körper gerade wirklich braucht“, betont Dr. Schmelz.
Aus sportlicher Sicht passiert das Gegenteil des Erwünschten. Dr. Andrea Jeschke beschreibt ein „Plateau“, das ihre Klientinnen erreichen: Es geht trotz aller Mühen nicht mehr weiter, vielleicht bricht die Leistung sogar ein. Ausdauer und Kraft können abnehmen, die Verletzungswahrscheinlichkeit steigt. Training verliert seine Wirkung, wenn RED-S weit ausgeprägt ist. Dr. Schmelz beschreibt den kurzfristigen Mechanismus: „Man wird langsamer oder kraftloser und braucht länger zur Regeneration. Viele Betroffene reagieren darauf mit noch mehr Training – was den Körper erst recht in den Sparmodus treibt.“
Katja Mangold betont: Frauen reagieren empfindlicher auf niedrige Energieverfügbarkeit als Männer. Die Forschung zu RED-S zeigt, dass bereits kurze Phasen von zu geringer Energiezufuhr bei Sportlerinnen hormonelle Kaskaden auslösen können: erhöhte Cortisolwerte, schlechtere Schilddrüsenfunktion, Störungen des Menstruationszyklus.
Wer Methoden wie „One Meal a Day“, Nüchterntraining oder extreme Fettvermeidung anwendet, sollte sich deren Risiken bewusst sein – und sie auf keinen Fall unkritisch aus dem Internet übernehmen.
Der erste Schritt ist das Erkennen. Haben sich Trainingsumfang und Essverhalten entkoppelt? Ignoriere ich Warnsignale wie Infekte oder Zyklusstörungen? Dann sollte ich professionelle Hilfe suchen: Bei Verdacht ist der Hausarzt oder eine spezialisierte sportmedizinische Ambulanz – wie in Tübingen, bei Ruhr Medizin in Schwerte oder an Olympiastützpunkten – die richtige Adresse. Expertinnen wie Dr. Christine Kopp und Dr. Alena Schmelz beraten ihre Patientinnen und Patienten umfassend; nötig sind Laborwerte, Gespräche und Zeit.
Zunächst einmal sollten sich Menschen entweder allgemeiner oder auch personalisiert mit ihrem sogenannten Grundumsatz auseinandersetzen. Dafür gibt es Durchschnittswerte, die aber statistisch ermittelt und nicht individuell erhoben sind. Katja Mangold empfiehlt darüber hinaus, den tatsächlichen Ruheumsatz messen zu lassen, da Faustformeln nur ungefähre Ergebnisse berechnen. Manchmal muss auch das Sportpensum kurzfristig gesenkt werden, um dem Hormonsystem und den Knochen Zeit zur Regeneration zu geben.
Dr. Schmelz hebt einen weiteren Punkt hervor: „Für aktive Menschen empfehle ich mindestens 1,6 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich, bei hohem Trainingsvolumen eher mehr. Protein schützt die Muskelmasse, unterstützt die Regeneration und hat einen direkten Einfluss auf den Hormonstoffwechsel.“ Des weiteren ist vor allem Geduld gefragt: Während das Energieniveau schnell steigen kann, braucht das Hormonsystem Monate und die Knochendichte unter Umständen Jahre, um sich zu stabilisieren.
„Sport soll dem Körper etwas geben und nicht nehmen“, fasst Dr. Schmelz zusammen. „Aber genau das passiert, wenn Bewegung und Ernährung dauerhaft nicht zusammenpassen.“ Viele unterschätzen, wie stark der Bedarf in Belastungsspitzen ansteigt – und wie schnell ein scheinbar kleines Defizit über Wochen zu einem echten Problem werden kann.
• Knochendichte Wer sich vor dem 35. Lebensjahr einen Mangel antrainiert, wird dies möglicherweise nicht mehr vollständig kompensieren können – die Knochendichte erreicht meist mit etwa 30 Jahren ihren Höhepunkt. Was bis dahin nicht aufgebaut wurde, ist anschließend nicht mehr zu erreichen. Das Verletzungsrisiko bleibt erhöht, und im Laufe des Lebens steigt das Risiko für Osteoporose.
• Hormonhaushalt und Fruchtbarkeit Der gebremste Hormonhaushalt kann Fruchtbarkeit verhindern. Bei Frauen ist die sekundäre Amenorrhö ein ernstzunehmendes Langzeitproblem mit direkten Folgen für Knochen, Gefäße und allgemeines Wohlbefinden. Es ist reversibel, wenn früh genug gehandelt wird.
• Immunsystem Durch den Energiemangel kann das Immunsystem geschwächt werden; Betroffene sind anfälliger für Infekte. Gewichtsabnahmebleibt aus: Wer mit Sport abnehmen möchte und dabei in RED-Sgerät, kann seinen Körper so sehr in den Sparmodus bringen, dass das gewünschte Abnehmen schlicht nicht mehr gelingt.
• Herz-Kreislauf-System Im Extremfall sind negative Auswirkungen aufs Herz möglich: Herzrhythmusstörungen, Elektrolytverschiebungen, in schweren Fällen Bradykardie. Dr. Schmelz: „Die Studienlage dazu wächst gerade erst, aber die Befunsind eindeutig genug, um das ernst zu nehmen.“
• Psychische Beschwerden Energiemangel wird in Zusammenhang mit erhöhter Reizbarkeit, Angstzuständen und möglichen depressiven Verstimmungen beschrieben.
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