Leon Weidner
· 28.05.2026
Vom 30. Mai bis zum 7. Juni wird die 37. Ausgabe der Italienrundfahrt der Frauen ausgetragen. Das Event, das lange unter dem Namen Giro Donne bekannt war, firmiert seit der Übernahme durch RCS – den Organisator des Männer-Giro d’Italia – offiziell als Giro d’Italia Women. Die Route für 2026 wurde am 1. Dezember in Rom vorgestellt, gemeinsam mit der Präsentation des Männer-Rennens. Gegenüber dem Vorjahr wächst das Programm deutlich: Durch die zusätzliche 9. Etappe steigt die Gesamtdistanz auf über 1000 Kilometer. Nach 919,2 Kilometern im Jahr 2025 sind es in diesem Jahr 1177,7 Kilometer. Gleichzeitig fällt das Höhenprofil weniger anspruchsvoll aus – mit etwa 2200 Höhenmetern weniger liegen die kumulierten Anstiege bei 12.100 Höhenmetern.
Die Italien-Rundfahrt der Frauen beginnt in Cesenatico mit zwei flachen Etappen für die Sprinterinnen. Die erste Etappe verläuft komplett flach, das Finale wird zweimal auf einem 23 Kilometer langen Rundkurs gefahren. Lorena Wiebes gilt nach ihrem Saisonauftakt als absolute Top-Favoritin für den Etappensieg, muss sich aber unter anderem gegen Elisa Balsamo behaupten. Auch die zweite Etappe endet im Sprint, der einzige kleine Anstieg liegt 88 Kilometer vor dem Ziel. Läuft alles nach Plan für das Team SD Worx - Protime, sollte auch hier Wiebes die besten Karten haben.
Die dritte Etappe des Giro d’Italia Women beginnt flach, ab der Streckenhälfte folgen mehrere kurze Rampen. Der letzte kategorisierte Anstieg liegt 18 Kilometer vor dem Ziel und bietet Fahrerinnen wie der Weltmeisterin Magdeleine Vallieres oder Cat Ferguson Chancen auf einen Ausreißersieg. Das Bergzeitfahren am vierten Tag startet mit einem Kilometer Abfahrt, bevor der Anstieg beginnt. Nach 3,5 Kilometern bei 2,9 Prozent folgt ein knapp vier Kilometer langes Teilstück mit 10,3 Prozent im Schnitt und 14 Prozent in den Spitzen. Zum Ziel hin wartet ein weiterer Kicker, der für Abstände im Gesamtklassement sorgt.
Hier sind zum ersten Mal bei dieser Italien-Rundfahrt die Anwärterinnen auf den Rundfahrtsieg gefragt. Demi Vollering und Elisa Longo Borghini sind die klaren Favoritinnen. Anna van der Breggen hat mit ihrem zweiten Platz bei der Spanien-Rundfahrt jedoch gezeigt, dass auch mit ihr zu rechnen ist. Marlen Reusser ist derweil noch schwer einzuschätzen. Das Bergzeitfahren liegt ihr eigentlich, nach einer Verletzungspause muss sie allerdings erst einmal zu alter Stärke zurückfinden.
Die fünfte Etappe führt über vier kategorisierte Anstiege in den Dolomiten. Nach dem Passo Tre Croci und dem Passo di Sant'Antonio folgen zwei Runden mit dem Anstieg Costalissoio, die Ziellinie liegt in der Abfahrt. Hier können Vollering, Longo Borghini, Reusser und Van der Breggen nach dem Zeitfahren erstmals in den Bergen punkten. Nach einer flachen Sprintetappe am sechsten Tag folgt die siebte Etappe mit zwei Bergwertungen der dritten Kategorie, wobei verschiedene Szenarien möglich sind. Sowohl ein Schlagabtausch der Favoritinnen auf den Gesamtsieg, als auch ein Rennen im Rennen sind möglich. Sollte eine Ausreißergruppe früh viel Vorsprung bekommen, könnten starke Fahrerinnen diesen bis ins Ziel retten. Zuzutrauen wäre dies einer Magdeleine Vallieres oder Cat Ferguson in jedem Falle. Mit Blick auf die folgende Etappe könnte es für die Gesamtklassement-Fahrerinnen ratsam sein hier einige Kräfte zu sparen.
Die achte Etappe über den Colle delle Finestre ist die Königinnenetappe. 18 Kilometer bei 9 Prozent Steigung, zur Hälfte auf Gravel, entscheiden das Rennen. Nach einer kurzen Abfahrt wartet die Bergankunft in Sestriere. Eindeutig ein Abschnitt für die GC-Fahrerinnen, die versuchen werden mit möglichst vielen Helferinnen in den Anstieg zu fahren. Die Teams werden hier eine entscheidende Rolle spielen. Die neunte und letzte Etappe führt nach 46 Kilometern über den Montoso, gefolgt von der Colletta di Paesana und der Colletta di Brondello. Nach der voraussichtlichen Entscheidung der Rundfahrt am Vortag, muss besonders die Führende Fahrerin weiterhin in Alarmbereitschaft sein, sollte der Vorsprung nicht bereits mehrere Minuten betragen. Dieses letzte Teilstück des Giro d’Italia Women 2026 ist kein Spaziergang. Auch deshalb dürften es Ausreißerinnen schwer haben, unmöglich ist eine Flucht aber nicht. Von der Colletta di Brondello geht es bergab ins Ziel nach Saluzzo, wo die neue Siegerin der Italien-Rundfahrt gekrönt wird.
Im Kampf um den Gesamtsieg führt dennoch kaum ein Weg an Demi Vollering vorbei. Die Niederländerin hat in dieser Saison eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie in den Bergen wie im Zeitfahren die stärkste Fahrerin des Pelotons ist. Hinter ihr lauert mit Elisa Longo Borghini die wohl gefährlichste Konkurrentin – nicht nur wegen ihrer Formstärke, sondern auch, weil sie auf heimischem Terrain fährt und die entscheidenden Anstiege wie kaum eine andere kennt. Dahinter wird es offener: Marlen Reusser bleibt nach ihrer Verletzung ein Fragezeichen, besitzt aber das Potenzial, im Zeitfahren und an langen Anstiegen entscheidende Sekunden gutzumachen. Auf ähnlichem Niveau ist Anna van der Breggen einzuschätzen, die nach ihrem Comeback bereits gezeigt hat, dass sie wieder konkurrenzfähig ist. Sollte Reusser ihre Bestform erreichen, dürfte sie leicht im Vorteil sein – doch aktuell spricht vieles für ein Duell Vollering gegen Longo Borghini um Rosa.
Werkstudent