Georg Steinhauser fährt in diesem Jahr seine erste Tour de France. Im Interview spricht der 24-Jährige über Startschwierigkeiten, die Stimmung am Straßenrand und seine Pläne für die restlichen Etappen.
TOUR: Wie lief der Ruhetag heute für dich, und was habt ihr so gemacht?
TOUR: Die ersten zwei Wochen sind jetzt vorbei. Wenn du auf deine persönlichen Ziele schaust – wie läuft deine erste Tour bisher?
GEORG STEINHAUSER: Ich muss sagen, ich hatte während der Tour ziemlich zu kämpfen und bin ehrlich gesagt nicht zufrieden. Das heißt nicht, dass mir die Tour keinen Spaß macht. Aber wenn ich auf meine persönlichen Ziele schaue, läuft es momentan überhaupt nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Es entspricht auch nicht dem Leistungsniveau, das ich das ganze Jahr über gezeigt habe. Eine richtige Erklärung habe ich dafür nicht. Die Vorbereitung lief eigentlich gut. Allerdings hatte ich nach drei Tagen eine extreme Entzündung im Sitzbereich und musste Antibiotika nehmen. Das ist der einzige Grund, der meinen Körper zusätzlich belastet haben könnte. Zum Wochenende ging es mir dann deutlich besser. Da war ich nicht mehr nur Passagier, sondern konnte das Rennen am Anfang mitgestalten, die Gruppe mit initiieren und meinen Teamkollegen helfen. Das war eine echte Erleichterung.
TOUR: Heißt das, für andere wird es jetzt immer härter und bei dir geht es gerade erst richtig los?
GEORG STEINHAUSER: So würde ich es nicht sagen. Dass es so schlecht läuft, obwohl es eigentlich keinen wirklichen Grund gibt außer den Sitzproblemen und dem Antibiotikum, ist eine Erfahrung, die ich bisher noch nie gemacht habe. Aber mittlerweile habe ich das Antibiotikum abgesetzt, und seitdem geht es wirklich besser. Jetzt muss ich schauen, wie es sich weiterentwickelt und was ich nächste Woche noch bewirken kann.
TOUR: Wenn wir auf die Stimmung und die mediale Aufmerksamkeit schauen: Wie unterscheidet sich die Tour aus deiner Sicht von anderen Radrennen?
GEORG STEINHAUSER: Man spürt deutlich, dass es das Rennen mit der größten Aufmerksamkeit ist – nicht nur von Seiten der Medien, sondern auch von den Fans. Es macht richtig Spaß, durch die Menschenmengen zu fahren. Auch wenn es in dem Moment vielleicht nicht angenehm ist, sich irgendwo den Berg hochzukämpfen, muss man sich bewusst machen, wie besonders es ist, von Tausenden Menschen angefeuert zu werden. Ich sage immer: Da macht das Quälen plötzlich Spaß. Und im Fahrerfeld merkt man ebenfalls, dass alles umkämpfter ist. Gestern hat es fast 100 Kilometer gedauert, bis der Break stand. Das passiert zwar auch beim Giro oder anderen Rundfahrten, aber hier werfen alle Teams wirklich alles rein, um in der Gruppe vertreten zu sein.
Andererseits muss ich sagen, dass ich mir das Fahrerfeld stressiger vorgestellt habe. Dieses Jahr ist es relativ okay. Ich hatte schon Giro-Etappen, die im Positionskampf deutlich stressiger waren. Vielleicht liegt es an der Streckenführung oder der Hitze in den ersten zwei Wochen. Bei den Sprintetappen hat man gesehen, dass sich viele GC-Fahrer zurückgenommen und hinten platziert haben. Das ist meiner Meinung nach die einzig richtige Entscheidung – das sollte öfter so laufen.
TOUR: Man hat unter anderem bei Paris–Nizza gesehen, dass du mit richtig schlechtem Wetter gut klarkommst. Wie ist es mit der Hitze?
GEORG STEINHAUSER: Mit Kälte und Regen komme ich oft besser zurecht als mit Hitze. Ich habe zwar vorher Heat-Training gemacht, aber die Hitze ist für alle extrem belastend. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass sie mich stark einschränkt. Ich glaube nicht, dass ich wegen der Hitze schlechter performt habe. Sie trifft alle relativ gleich. Aber man sieht schon Fahrer, von denen man erwartet hätte, dass sie vorne fahren, die ihre Leistung jedoch nicht abrufen können. Das kann natürlich an der Hitze liegen.
TOUR: Eine etwas spezielle Frage: Gibt es nach zwei Wochen irgendein Geräusch oder Geruch, den du mit der Tour de France verbindest?
GEORG STEINHAUSER: Es gibt natürlich die typischen Geräusche, die man mit dem Rennfahren verbindet. Konkret bei der Tour de France gibt es am Anfang immer das „C’est parti“. Da wird von fünf runter gezählt und dann kommt das französische „C’est parti“, also „los geht´s“. Das ist bei uns im Team ein kleiner Running Gag geworden – wir sagen das immer mal wieder. Ein kleines Aufheizen vor dem eigentlichen Start.
TOUR: Im Vorfeld der Tour wurde oft deine Ausbildung zum Metallbauer bei deinem Vater thematisiert. Viele Radprofis konzentrieren sich ausschließlich auf den Sport. Wieso du nicht?
GEORG STEINHAUSER: Mir war wichtig, einen Plan B zu haben. Mein Vater hat mir immer klargemacht, dass eine Radsportkarriere schnell vorbei sein kann und dass es nicht garantiert ist, dass man nach 10 oder 15 Jahren Profisport ausgesorgt hat. Bei ein paar Fahrern ist das so, aber bei den meisten nicht. Deshalb wollte ich etwas haben, worauf ich zurückgreifen kann, falls es mit dem Radsport nicht klappt – etwas, das mir Sicherheit gibt.
TOUR: Diese Doppelbelastung aus Ausbildung und Training stelle ich mir extrem hart vor. Hilft dir das bei einer dreiwöchigen Rundfahrt?
GEORG STEINHAUSER: Ehrlich gesagt ist das inzwischen relativ weit weg. Wenn ich zurückblicke und daran denke, dass ich jeden Tag von 6:30 bis 12:30 Uhr in der Werkstatt stand, finde ich das schon extrem. Das kann ich mir kaum noch vorstellen, jetzt wo ich jeden Tag bis acht Uhr schlafe und ausgeschlafen in den Tag starte. Aber dass ich damals trotzdem die Leistung abrufen konnte und den Schritt nach oben geschafft habe – je länger ich darüber nachdenke, desto besonderer erscheint mir das.
TOUR: Mit Blick auf die letzten Etappen: Was habt ihr euch bis Paris noch vorgenommen?
GEORG STEINHAUSER: Wir wollen auf jeden Fall weiter aktiv fahren. Unser Ziel als Team ist natürlich ein Etappensieg. Ich denke, Richie und auch Alex Baudin haben da die besten Chancen. Und dann haben wir ein bisschen das Bergtrikot im Hinterkopf. Das wird zwar schwer – nicht unmöglich, aber sehr schwer –, weil Pogacar in den Bergen so stark ist. Aber wir werden es auf jeden Fall probieren.
TOUR: Was steht für dich nach der Tour an? Kommt eine Teilnahme an der Deutschlandtour für die Nationalmannschaft infrage, oder hast du noch keine Pläne?
GEORG STEINHAUSER: Das war tatsächlich eine Überlegung. Jetzt muss ich aber erst einmal schauen, weil ich bei der Tour deutlich unter meinen üblichen Werten fahre. Da muss man herausfinden, woran es liegt. Während der Tour bringt es nichts, sich große Gedanken zu machen, aber danach sollte man meiner Meinung nach prüfen, ob vielleicht noch Bakterien im Körper sind oder ob ich vorher übertrainiert war. Das müssen wir auf jeden Fall abklären. Danach schauen wir, wie es mit den kommenden Rennen weitergeht. Deutschlandtour, WM, EM – das sind alles Rennen, die im Gespräch sind und die ich gerne fahren würde. Aber wir müssen wirklich erst sehen, wie es mir nach der Tour geht. Wenn ich eine Woche Pause gemacht habe und weiß, wie sich mein Körper anfühlt, können wir entscheiden, was danach kommt.

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