Robert Kühnen
· 21.07.2026
Noch bis zum 26. Juli messen sich die besten Radsportler der Welt bei der Tour de France. Über Sieg und Niederlage auf den Straßen Frankreichs entscheiden dabei nicht nur die Beine, sondern auch das Material. Das TOUR Tech-Briefing zur 16. Etappe.
Etappe 16 ist ein Zeitfahren über 26 Kilometer. Die Strecke führt vom Start weg für 9,7 Kilometer bergauf zur Cote de Larringes, einer Bergwertung der zweiten Kategorie.
Wie bei jedem bergigen Zeitfahren stellt sich die Frage, welches Bike das bessere ist, das Zeitfahrrad oder ein klassisches Rennrad mit Aero-Aufsatz?
Aus unserer Sicht ist das Zeitfahrrad klar im Vorteil, denn die Steigung ist sanft. Die Geschwindigkeit bergauf liegt zwischen 30 und 35 km/h – das sind aerodynamische relevante Tempi.
Eine Radwechsel-Strategie ist keine ernsthafte Option, denn die Strecke bergauf führt schnurstracks geradeaus und ist das Gegenteil eines technischen Anstiegs. Der Anstieg lässt sich daher gut in der Liegeposition auf dem Zeitfahrrad bewältigen.
Herausfordernder ist die Abfahrt auf dem Zeitfahrrad, denn sie bietet einige Kurven, die nicht voll zu nehmen sind. Trotzdem sehen wir das Zeitfahrrad hier deutlich im Vorteil, weil es mehr Tempo zwischen den Bremspunkten erlaubt.
Um den Materialeinfluss sichtbar zu machen, simulieren wir wieder verschiedene Bike-Konfigurationen und gehen so der Frage nach, welchen Einfluss Gewicht und aerodynamische Optimierung für die Strecke besitzen. Bieten sich Scheibenräder an oder sollte das Bike lieber so leicht wie möglich am Start stehen?
Nach unserer Berechnung bedeutet ein Kilogramm Mehrgewicht acht Sekunden mehr Fahrzeit. Fünf Watt Aero-Vorteil (bezogen auf 45 km/h) ergeben einen Zeitvorteil von 10 Sekunden. Daraus lässt sich ableiten, dass aerodynamische Optimierung Vorrang hat vor Leichtbau. Gesucht ist aber ein Sweet-Spot aus Aero-Performance und Leichtbau.
Fünf Watt Aero-Ersparnis sind an vielen Stellen einfahrbar. Am meisten bewirken die optimale Haltung und die Abstimmung von Aero-Lenker, Helm, Körper und Bekleidung auf den Körper des Sportlers. Ziel ist es, den stumpfen Körper des Sportlers durch das Zusammenwirken vieler Details zu aerodynamisieren. Tropfengestalt erreichen wir nicht, aber dennoch eine deutliche Verbesserung gegenüber der klassischen Rennradposition.
Wenn alles passt, wie bei Zeitfahrweltmeister Remco Evenepoel, verschmelzen Auflieger/Arme, behelmter Kopf und Torso zu einer Einheit, die dem Luftstrom deutlich weniger Widerstand bietet als ein zerklüfteter Körper, bei dem Lenker, Arme, Kopf und Oberkörper einzeln umströmt werden.
Die Bekleidung spielt dabei auch eine Rolle. Über die Oberflächenrauigkeit des Stoffs lässt sich der Aero-Anzug feintunen. Aufgeraute Parts wirken dabei ähnlich wie die Dellen im Golfball, sie halten die Strömung gezielt etwas länger am Körper, was den Druckwiderstand senkt. Der Effekt ist stark individualisierbar, indem die Rauigkeit an den Tempobereich und den Durchmesser von Armen und Beinen angepasst wird. Faustformel: je dünner der Körper und je langsamer die Fahrt, desto mehr Rauigkeit ist notwendig, um die Luft zu bändigen. Zwei Fahrer verschiedener Statur benötigen daher unterschiedlich Stoffe, um das Optimum für eine bestimmte Situation herauszuholen.
Deshalb ist auch ein Handicap, im Gelben Trikot zu starten (oder jedem anderen Wertungstrikot), weil der Anzug dann nicht im gleichen Maße feingetunt werden kann.
Das erwartetet Durchschnittstempo ist trotz Bergwertung sehr hoch. Die wahrscheinlichste Kombination erscheint uns TT4, der berechnete Schnitt liegt dann bei 47,7 km/h.
Remco Evenepoel ist nach seiner jüngsten Kletterleistung auf der 15. Etappe und wegen seiner herausragenden Zeitfahrqualitäten der Favorit für das Zeitfahren.
Das (fast) vollständige Feld im Überblick*:
Die Tabelle zeigt die simulierten Fahrzeiten für verschiedene Bike-Konfigurationen. Wir sehen exemplarisch, welchen Effekt die Aero-Optimierung (Spalte Aero-Power) verglichen mit dem Gewicht hat. Da die Strecke länger bergauf führt, ist ein Sweet-Spot aus Aero-Performance und Gewicht gesucht.
Basierend auf den eigenen Windkanaltests stellen wir Simulationsberechnungen für das Tour de France Tech-Briefing an. So testet TOUR: Aero-Rennrad-Test im Windkanal.
Wir gehen dabei der Frage nach, welche Räder in welcher Situation einen technischen Vorteil bieten können. Variablen, die wir in der Simulation beeinflussen können, sind Radgewicht, Fahrergewicht, Trägheit der Laufräder, Luftwiderstandsbeiwert, Rollwiderstandsbeiwert und die Effizienz des Antriebsstrangs.
Für die Modellierung der Fahrzeiten setzen wir realistische Leistungen und Gewichte für die Fahrer an, kombinieren sie mit unseren Windkanaldaten und lassen die Fahrer virtuell über ausgesuchte Streckenabschnitte rasen, die wir aus den offiziellen Streckendaten extrahieren; zentral sind dazu die abgeleiteten Höhenprofile. Zur Modellierung gehören auch Kurven, die wir realistisch anbremsen können und einstellbare Powerprofile für verschiedene Fahrertypen. So unterscheiden wir zwischen Antritten am Berg und richtigen Endspurts. In der Summe macht dies die Simulierung realitätsnah. Was wir nicht abbilden können, sind fahrdynamische Effekte wie das individuelle Verhalten der Räder auf verschiedenen Untergründen.
Die ermittelten Fahrzeiten für die rennentscheidenden Streckenabschnitte machen den Einfluss der Räder sichtbar – unter der Voraussetzung, dass die Fahrer sich in einem Szenario immer gleich verhalten.

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